von Willi

Schinderei im Kamin ...oder Sprung ins Glück

Wenn man trotz sonnig warmen Wetter mit langer Hose und Pullover tief in einer Felsspalte irgendwo in der Pampa fest steckt, fragt man sich schon wo man im Leben falsch abgebogen sein könnte.

Aber von vorne...

Ein freier Samstag und bestes Wetter. Da gibt es doch eigentlich nur eine Tätigkeit, um den Tag zu verbringen: klettern mit dem KuK.
Schnell fanden sich Basti und Micha, die ebenfalls Zeit hatten. Als Ziel sollte es schon etwas abgeschiedener sein, aber immer noch in der Nähe einer Bahnstation liegen. Womit die Wahl auf die Gipfel um den Kipphornwächter im Schmilkaer Gebiet fiel. Die natürlich überfüllte Bahn lichtete sich glücklicherweise schon bei den üblichen Touri-Orten Rathen, Bad Schandau und Königstein. Somit erfüllte sich unsere erste Hoffnung in Schmilka, sich nicht durch Menschenmassen zu den Gipfeln kämpfen zu müssen. Als wir dann noch Richtung Erlsgrund gingen, sahen wir tatsächlich bis zu unserer Rückkehr in Schmilka keine weitere Menschenseele mehr. So gefallen mir Kletterausflüge.
Der erste Realitätscheck war dann trotzdem der Zustieg. Wenn man nach den letzten Ausflügen die parkplatznahen Gipfel im Bielatal gewohnt ist, kommt man auf einmal schneller aus der Puste, wenn es nur ein paar Meter weiter bis zur Wand geht. Glücklicherweise wurde die Ankunft am Fels erst einmal mit einem Stück Apfelkuchen aus der Mühlenbäckerei belohnt. Frisch gestärkt begutachteten wir das erste Gebilde an dem wir gestrandet waren. Es war die "Wand am Kipphorn" und wir scheiterten grandios an der Kletterwegfindung. Kurzerhand entschieden wir uns zum Kipphornwächter und Zufallsturm zu gehen, an denen die Wegbeschreibungen aus dem Kletterführer schon eher an der Wand nachvollziehbar gewesen sind.

Basti und Micha liebäugelten mit dem Südkamin am Kipphornwächter. Lediglich als II bewertet und schön in der Sonne liegend, sollte es eine gute Aufwärmübung darstellen. Gesagt, getan. Das Geschirr war schnell angelegt und nach ein paar Albernheiten für unseren Insta-Account schnappte sich Basti den Vorstieg. Was dann folgte gehört zwar zu den Standardtechniken des sächsischen Kletterns, artete hier aber zu einer Schinderei ohnegleichen aus. Der Start zum großen Band war noch hinnehmbar. Danach beginnt ein bröseliger Kamin, kaum breiter als man selbst, der ab der Hälfte einfach nur glatt wird. Den ersten Vorboten, welch Grauen folgen sollte, zeigte Basti als er längere Zeit erfolglos an der glatten Hälfte herumprobierte, um dann doch weiter ins Felsinnere zu kriechen und dort tatsächlich einen besseren Weg nach oben fand. Der zweite Vorbote war Micha, der sich nur fluchend seinen Weg durch den Kamin bahnte und froh war doch nicht den Vorstieg übernommen zu haben. Als ich schließlich an der Reihe war, merkte ich schnell den Grund für die schlechte Laune meiner Vorsteigenden. Ich meinte zwar an der strukturschwachen Schlüsselstelle einen Weg raus aus dem Kamin gefunden zu haben, da sich die beiden Anderen aber für den Weg weiter in den Kamin hinein entschieden haben, musste ich dem Seilverlauf folgen. Das artete in einer unsäglichen Schinderei aus. Mangels vernünftiger Griffe und Tritte, versucht man sich vertikal robbend zwischen den Felswänden erst in den Berg rein und dann hoch wieder raus zu schieben. Ich war um jedes Stück Stoff mehr an meiner Haut froh, damit nicht ebenjene vom rauen Gestein abgetragen wird. Unter wildem fluchen hatte ich es dann auch geschafft aus dem beengten Schlund zu entkommen. Die Aussicht vom Gipfel entschädigte ein wenig für die Strapazen.
Der Blick ging von Tschechien über Zirkelstein, Kaiserkrone und Lilienstein über die Schrammsteinkette. Einfach wunderschön.

Was auch direkt ins Sichtfeld geriet ist die Gipfelbuchkassette auf dem Zufallsturm, nur ein paar Meter von uns entfernt. Wie schnell ist man da doch einfach hinüber gehüpft und damit gleich der zweite Gipfel bestiegen. In der Sächsischen Schweiz gilt der Sprung auf einen Gipfel als anerkannte Begehung. Aus meiner Sicht die effektivste Methode Gipfel zu sammeln :) Aus sicherer Entfernung sah die Kluft nicht arg weit aus. Der Kletterführer bemaß die Sprungschwierigkeit als eine 2. Basti hat schon ein paar Sprünge gemacht. Für Micha und mich wäre es der Erste. Also direkt ans scharfe Ende des Seiles eingebunden und vorsichtig vom Gipfel des Kipphornwächters etwas nach unten gegangen und auf einen Vorgipfel über treten, um auf die Absprungfläche zu gelangen. Hier sammelten wir uns zunächst, um die Lage zu besprechen. Aus meiner Perspektive einer 1,95m großen Person, hatte der Sprung keinen großen Schrecken. Vom Canyoning weiß ich, dass man nicht groß nachdenken sollte, bevor man entweder 10m tief ins Wasser oder hier etwa 2 Meter auf einen anderen Gipfel springt. Von daher, zack, Sprung, drüber ... Schmerz. Aua! ... Sprung unproblematisch, aber die Landung auf den Fersen zwiebelte ganz schön. Merke: ab 2er Sprüngen besser Turnschuhe überziehen.
Als nächstes war Micha an der Reihe. Mit seinem Blick in die Tiefe, schien jedoch eine regelrechte Lebenskrise erwacht zu sein. Anders kann ich mir seine kategorische Ablehnung vor dem Sprung nicht erklären. Für ihn mit 1,60m muss die Entfernung aber auch um ein vielfaches größer gewirkt haben, als bei mir. Wahrscheinlich hat er sich Max als Stimme der Vernunft herbeigesehnt. Der Respekt und die Vernunft schlugen zu. Wenn das Gehirn dir sagt, dass du doch bekloppt sein musst von Fels zu Fels zu hüpfen, dann ist der mentale Überwindungsaufwand um ein vielfaches höher. Für Micha im Speziellen half es uns alle zu beschimpfen und zu beleidigen. Und nachdem er uns alle enterbt hatte, setzte er zum Sprung an, flog wie Hermes über die Kluft und landete sicher mit genügend Abstand zum Abgrund auf dem Zufallsturm. Klasse gemacht und eine Erfahrung reicher. Respekt für die Überwindung. Als letztes war Basti an der Reihe, welcher nur darauf gewartet hatte bis wir uns auskästen, um dann mit einer Leichtigkeit zu uns zu hüpften und sich lässig zu uns gesellte. Chapeau.

Wieder am Boden zurück wollten wir alle erst einmal nichts mehr von Kaminen wissen.
Kein Problem. Ich hatte mir in der Wartezeit zu Beginn schon einen anderen Weg ausgesucht: die Metakante. Eine variantenreiche Route, mit VIIa bewertet. Dieses kleine Projekt, diente hauptsächlich dazu mir selbst zu Beweisen, ob ich schon wieder in diesem Grad fit genug bin. Der Start war wieder ein kurzer Kamin auf das breite Band. Dieser ließ sich aber um Längen besser klettern als den Südkamin. Vom Band ging es durch eine knusprig, bröselige Wand. Die Kunst war es nur die schwarzen (weil fester) Griffe und Tritte zu nehmen, welche zudem eine vertrauenswürdige Dicke aufwiesen. Am Ende der Wand musste zwischen dem Massiv und dem Fels empor gespreizt werden. Das Ende dieser Spreize wurde mit einem Ring belohnt. Glücklicherweise hatte sich jemand bei dessen Anbringung Gedanken gemacht. Sicherte er doch perfekt den letzten Abschnitt ab: eine kurze Reibung. Hier muss man sich nochmal auf ein, zwei gute Tritte konzentrieren. Mit weiteren zwei, drei brauchbaren Griffen löst sich die Stelle auch in Wohlwollen auf. Alles in allem ein wirklich schöner, abwechslungsreicher Weg. Könnte auch eine VI mit Stern sein.

Basti und Micha kamen zügig hinterher und beide meinten einhellig, dass dieser Weg um einiges schöner und besser zu klettern war als der Kamin von eben. Die Abseile verursachte noch etwas Aufregung. Zwar wurde im Kletterführer die Abseilöse in 24m Höhe bescheinigt, aber das 50m Seil reichte nur bis zum großen Band. Weswegen wir von diesem noch einmal bis zum Wandfuß abseilen mussten. Erst ein 60m Seil würde hier gut ausreichen.

Nun war die Zeit aber um einiges vorangeschritten und wir machten uns an die Heimkehr. In Schmilka genossen wir noch ein kühles Radler und resümierten den Tag. Ich von meiner Seite aus finde das jeder Weg etwas hatte. Gerade der Kamin mit seiner Schinderei wird wohl am längsten in Erinnerung bleiben. Jedoch halten wir es offen, wie schnell wir uns an den Nächsten wagen werden.

Bis dahin, bleibt gespannt und gesund
Euer Klub der unverbesserlichen Kletterer

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